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Wenn der König dreimal furzt

Politiker, Saufproleten, Perversionen – kein Thema ist vor Spott sicher, kein anderes Land hat einen so legendären Humor wie Großbritannien. Eine Ausstellung zelebriert nun diese anarchische Ader. SPIEGEL ONLINE über das Beste aus einer Welt böser Pointen, bitterer Gags und schlüpfriger Kalauer.

“Oh, lassen Sie mich Ihnen damit helfen”, sagt der Museumswärter und gibt dem aus der Wand ragenden Unterarm einen leichten Schubs, so dass er auf und ab wippt wie beim Onanieren. “Wanker 1″ (“Wichser 1″) heißt die Skulptur der englischen Künstlerin Sarah Lucas. “Ich bin speziell dafür ausgebildet worden”, kommentiert der Wärter seinen Job, ohne eine Miene zu verziehen.

Wer sich immer schon gefragt hat, worin der berühmte britische Humor besteht, findet seit Mittwoch in der Tate Britain Gallery in London reichlich Anschauungsunterricht. “Rude Britannia” (“Rüdes Britannien”) heißt eine neue Ausstellung, die die anarchische Ader der Briten zelebriert. Die Geschichte des Insel-Humors wird in Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen seit dem 17. Jahrhundert nachgezeichnet.

“Die Idee, dass es einen besonderen britischen Sinn für Humor gibt, der respektlos und libertär ist, reicht sehr weit zurück”, sagt der Kurator der Ausstellung, Martin Myrone. “Sie hat unsere Vorstellung des Britischseins geprägt.”

Während in anderen Ländern, nicht zuletzt Deutschland, der Glaube an die Obrigkeit lange unerschüttert war, machen sich die Briten seit Jahrhunderten über ihre Herrscher lustig. Myrone zufolge gibt es dafür auch eine ökonomische Erklärung. Im Unterschied zum Rest Europas wurden Künstler in Großbritannien weniger von Kirche und Staat gefördert und mussten daher frühzeitig den Massengeschmack bedienen. Und nichts verkaufte sich besser als Humor, gerne auch von der vulgären Sorte.

Die ersten Karikaturen in der Ausstellung datieren aus dem 17. Jahrhundert, als die Drucktechnik erstmals die rasche Verbreitung der Zeichnungen ermöglichte. Damals wurden sie noch in Schaufenstern ausgestellt, vor denen sich dann Trauben von Passanten bildeten. Gemeinsam lachte man über furzende Monarchen und Arschkriecher im Beamtenapparat. Die jüngsten Bilder, häufig in Form von Comic-Strips, nehmen die Politiker der Gegenwart aufs Korn.

Die Fotomontage “Photo Opp 2005″ etwa zeigt Tony Blair, wie er sich breitgrinsend mit seinem Handy vor den brennenden Ölfeldern des Irak knipst – eine Parodie auf die Selbstverliebtheit des früheren Premierministers. Eine andere Montage präsentiert seinen Kriegspartner George W. Bush, wie er mit seinem Cowboystiefel auf Blairs gebeugten Rücken tritt, um sein Pferd zu besteigen.

Spaßvögel der Geschichte

Während die Anspielungen in den zeitgenössischen Werken auf Anhieb zu verstehen sind, lassen viele der älteren Zeichnungen die Besucher ratlos zurück. Wer nicht in den Feinheiten der britischen Geschichte bewandert ist, dürfte die Ölgemälde der Altmeister der englischen Satire so lustig finden wie die Mona Lisa. Laut gelacht wird denn auch nicht in den Räumen der Tate, allenfalls ist hier und da ein Schmunzeln zu sehen.

Zur leichteren Verständlichkeit hat die Tate aktuelle Cartoonisten wie den “Guardian”-Zeichner Steve Bell und die Autoren des Comic-Magazins “Viz” gebeten, Bildunterschriften zu verfassen. Die lustig gemeinten Erklärungen – die “Viz”-Leute lassen ihre Comic-Figur Roger Mellie bissige Kommentare zu einzelnen Gemälden abgeben – stoßen aber auf ein geteiltes Echo. “Sobald ein Witz erklärt werden muss, ist er nicht mehr witzig”, monierte der “Daily Telegraph”.

Allerdings zeigt die Ausstellung auch, dass sich die großen politischen und sozialen Fragen im Laufe der Zeit kaum verändert haben. Die Sozialkritik von früher hat an Gültigkeit wenig verloren. Beispiel Komasaufen: Schon im 18. Jahrhundert warnte der Urvater der britischen Karikaturisten, William Hogarth, in seinem Bild “Gin Lane” vor übermäßigem Schnapsgenuss. Auch der militante Anti-Alkoholiker und Charles-Dickens-Illustrator George Cruikshank prangerte in seinem ausladenden Meisterwerk “The Worship of Bacchus” die Schwächen seiner Landsleute an.

Wer bei britischem Humor zuerst an “Monty Python” und “Mr. Bean” denkt, wird in dieser Ausstellung enttäuscht. Die einzige Fernsehserie, der ein Platz eingeräumt wird, ist “Spitting Image”, die Puppenshow aus den achtziger Jahren, die sich an Margaret Thatcher abarbeitete. Die frühere Premierministerin war ein dankbares Objekt für die Satiriker. Der langjährige “Times”-Cartoonist Gerald Scarfe verewigte die Ikone der konservativen Tories als Raubsaurier “Torydactyl”. Mit den heutigen Politikern, Premier David Cameron und seinem Vize Nick Clegg, hingegen tun sich die Zeichner schwer – beide seien zu profillos, klagen sie.

Witzwarnung für Nichtbriten

Auch das legendäre Satiremagazin “Punch” wird gewürdigt. Zu sehen ist eine Ausgabe aus dem Jahre 1843, in der erstmals das Wort Cartoon im modernen Sinn geprägt wurde, nämlich als eigenständige Darstellungsform. “Cartoon No. 1″ zeigt eine Gruppe armer Menschen im Museum. Erläuternd heißt es dazu: “Die Armen verlangen nach Brot, und der Staat gibt ihnen – eine Ausstellung.”

Ein ganzer Saal ist dem schlüpfrigen Humor gewidmet. Anzügliche Postkarten aus britischen Seebädern, große Brüste und Riesenpenisse – spätestens hier fühlt man sich an die plumpen Witze des deutschen Karnevals erinnert. Auch das “Viz” ist mit mehreren expliziten Comic-Strips vertreten – das “führende Magazin für Fäkalhumor” (Eigenwerbung) hatte Anfang der neunziger Jahre eine Rekordauflage von über einer Million Exemplaren. Diese Zeit ist lang vorbei, inzwischen liegt die Auflage weit unter 10.000, doch die Bedeutung des Monatsmagazins als Vorreiter der “Lad”-Kultur der jungen Männer ist unbestritten.

Bevor der Spaß beginnt, muss der Besucher erst noch gewarnt werden. “Warning – explicit content” steht vor dem Eingang der Ausstellung. “Manche Besucher könnten Bilder und Wörter anstößig finden.” Das Schild ist eine Erinnerung daran, dass auch britische Kulturmanager eine humorlose, bürokratische Seite haben. “Das ist wahrscheinlich für die Amerikaner”, sagt ein Besucher aus Neuseeland. “Da dürfte so was nicht öffentlich gezeigt werden.”

Anstoß erregen wird “Rude Britannia” jedoch kaum, schließlich sind Kunstausstellungen inzwischen weltweit auf Tabubruch programmiert. Die britische Lust an anarchischem Humor hat sich längst auf dem ganzen Globus ausgebreitet, nicht zuletzt in den vermeintlich prüden und höflichen USA. Die Erfinder von der Insel sind allerdings weiterhin besonders gut darin.

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