Die Geschichte der Pin-Up Kunst

Earl Mac Pherson

Die Jahrhundertwende war die Zeit der „traditionellen Werte“, in der Frauen noch den strengen Sitten des viktorianischen Zeitalters unterworfen waren. Sie trugen Korsetts, voluminöse Unterröcke und waren von Kopf bis Fuß so verhüllt, dass bereits der Anblick einer weiblichen Fessel als erotischer Kitzel galt. Das Wort, das man nicht in den Mund nehmen durfte, hieß „Sex“. In den Bibliotheken wurden alle Bücher zu diesem Thema hinter Schloss und Riegel verwahrt. Eigentlich ein Wunder, dass die Bevölkerung sich nicht dramatisch verringerte!

Trotz der scharfen Überwachung durch die staatliche Zensurbehörde, der Bostoner Anthony B. Comstock Society, wurden unter dem Deckmantel „Kunst“ Bilder von spärlich bekleideten Jungfrauen gedruckt. Bei der Police Gazette stand beispielsweise das Recht auf Information im Vordergrund: Wenn sich unter Varietékünstler ein Mord oder eine schwere Körperverletzung ereignete, war es völlig legitim, die Story mit einem Bild der Hauptakteurin in enger Trikothose zu illustrieren – immer im Interesse der Information der Öffentlichkeit. Auch die Museen trugen ihren Teil bei. Sofern es sich um Gestalten aus der antiken Mythologie handelte, befand sich der Betrachter in den Augen der Zensur in „sicherem“ Abstand und war keinerlei erotischen Versuchungen im Hier und Jetzt ausgesetzt. Beliebt waren Akademiemaler, die griechische Jungfrauen darstellten, die in aller Unschuld dem Wasser entstiegen und nur von einer an strategisch wichtigen Stellen platzierten Seerosen bedeckt wurden.

Weitere subversive Einflüsse zeichneten sich ab. In seinem berüchtigten Roman „Lady Chatterley’s Lover“ wetterte D.H. Lawrence gegen die sexuelle Repression. Wenn eine Bibliothek ein Exemplar besaß, hielt sie das ganz bestimmt unter Verschluss.

Gil Elvgren

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte eine Generation lebenslustiger junger Soldaten aus Europa zurück, wo die Menschen viel weniger prüde waren. Im Gepäck hatten sie französische Postkarten, die das Nonplusultra an Sinnlichkeit darstellten.

Die 20er Jahre waren geprägt vom Emanzipationsbestreben der Jugend, die gegen alles revoltierte. Der Illustrator John Held jr. malte die langbeinigen „Flappers“ in kurzen Röckchen neben saxophonspielenden „Sheiks“, die Hosen mit Schlag und das Haar pomadisiert á la Rudolph Valentino trugen und deren blasiertes Gehabe in krassem Gegensatz zu den galanten Umgangsformen ihrer Väter stand. Die Zeitschriften Judge, Life und College Humor druckten die „Flappers“ von Held und Russel Patterson ab oder die Badenixen von Coles Phillips und Rolf Armstrong, wobei sie sich der Gunst des Publikums sicher sein konnten.

Für die Verleger von Groschenheften, den so genannten Pulps, wie z.B. Spicy Detective, Weird Tales oder The Mysterious Wu Fang, gab es keinen Grund, einer begierigen Leserschaft reißerische Bilder der Heldinnen vorzuenthalten. Manche Illustratoren, unter ihnen auch Jerome und George Rozen, John Newton Howitt und J.J. Ward, wurden zu Verrätern an der hohen Kunst und stellten ihr beachtliches Können in den Dienst dieses Genres; später gesellte sich auch Margaret Brundage dazu.

Die exotischsten Vorfahren der Pin-ups kann man bis zur Weltausstellung von 1898 zurückverfolgen, wo die Bautänzerin „Little Egypt“ viel bewundert wurde. Eine wohlerzogene junge Dame hätte nie ihre Figur zur Schau stellen dürfen, aber niemand fand etwas dabei, wenn mandeläugige Eurasierinnen als Bachtänzerinnen auf der Bühne agierten.

Einige Verleger machten sich die neue FKK Masche zunutze und brachten Nudistenmagazine auf den Markt. Andere Zeitschriften, wie Captain Billy’s Whiz Bank, Snappy Stories oder Film Fun wiederum verbanden unbefangen Sex und Humor.

Der größte Teil des Etats floss in die Illustration der Titelseite. Da die meisten dieser frühen Magazine nur über ein sehr schmales Budget verfügten, gingen manche bereits nach der ersten Auflage wieder ein. Der Geldmangel schlug sich vor allem in der Qualität der Illustrationen nieder: Oft wurden zweitrangige Künstler mit der Gestaltung der Titelseiten beauftragt. Zudem galten viele der Magazine als zweit- oder drittklassig, so dass kaum ein Illustrator für sie arbeiten wollte. Aber auch nachdem die Magazine finanziell und inhaltlich solider geworden waren, haftete der Pin-up Kunst weiterhin das Vorurteil an, etwas für Anspruchslose zu sein. Es gab kaum Illustratoren, wie Earle Bergey, Enoch Bolles oder George Quintana, die sich davon nicht beirren ließen. Sie blieben auf dem einmal eingeschlagenen Weg und beherrschten schließlich die Titelseiten aller Magazine.

Ernest Chiriaka

Brown and Bigelow der größte US-Kalenderverlag, bildete bereits Anfang des Jahrhunderts Badenixen ab. Ab 1930 hing praktisch in sämtlichen Autowerkstätten des Landes eine sinnliche Schöne von Rolf Armstrong, Earl Moran, Earl Mac Pherson oder Billy De Vorss. Anfang der 30er Jahre, während der Weltwirtschaftskrise, sorgten die so genannten Centerfolds, die doppelseitigen Bilder in der Mitte der Zeitschrift Esquire, für wohltuende Ablenkung von der miserablen Lage. Anfangs war es das „George Petty Girl“, später trugen die von Antonio Vargas in der Airbrush-Technik gemalten „Varga-Girls“ zur Hebung der allgemeinen Stimmung bei.

Dem aufwendig gestalteten Hochglanzmagazin Esquire gelang es, auch etabliertere Künstler an sich zu binden: Künstler wie Gilbert Bundy, Mike Ludlow, Fritz Willis, Joe De Mers, Al Moore oder Ben-Hur Baz standen bei Esquire unter Vertrag.

Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich die Pin-up Kunst zu einem bedeutenden Industriezweig. In den Spinden der GIs teilten sich die Pin-ups von Gil Elvgren, Zoe Mozert, Joyce Ballantyne oder Earl Moran den Platz mit Fotos von Filmschauspielerinnen wie Betty Grable, Rita Hayworth, Veronica Lake und anderen.

Nach dem Krieg wollten die Veteranen jedoch wieder sesshaft werden, eine Familie gründen und ein Haus bauen. Die 50er Jahre waren in den USA eine Zeit in der niemand über Sex redete oder, unvorstellbarer noch, Spaß daran hatte. Zwar versuchten einige ambitionierte Zeitschriften, wie etwa das üppig aufgemachte Magazin Eros, die engen sexuellen Grenzen zu sprengen; aber die Zensur setzte dem schnell ein Ende. Die Pin-up Kalender in den Autowerkstätten, die sich nach wie vor am Besten verkauften, blieben das am häufigsten benutzte Format für Pin-up Kunst.

Allmählich bemächtigten sich jüngere Künstler des Genres, an der Spitze Gil Elvgren und seine Protégés Art Frahm, Ed Runci, Al Buell und Harry Ekman.

Ein weiteres wichtiges Medium für die Verbreitung der Pin-ups sollten Taschenbücher werden. Das kleinformatige Taschenbuch war entstanden, weil man der kriegsbedingten Papierknappheit begegnen wollte und weil man für die GIs Lesestoff im Taschenformat brauchte. Der aufgestaute Lesehunger war scheinbar grenzenlos, und jedes Thema oder Sachgebiet taugte zur Veröffentlichung mit einem Bild auf der Umschlagseite. Sogar die Titel von Klassikern wie William Faulkner, Emily Bronte oder John Steinbeck ließen sich mit viel Bein illustrieren.

Al Buell

Hunderte von Künstlern, als die Besten unter ihnen galten James Avati, Rudy Belarski, Baryé Phillips und Bob McGinnis, waren mit der Illustration von Buchumschlägen beschäftigt. Manche hatten vorher für Groschenhefte gearbeitet, andere für Hochglanzmagazine, von denen aber immer mehr ihr Erscheinen einstellen mussten, wie z.B. American, Collier’s Liberty und Woman’s Home Companion. Später war sogar die mächtige Saturday Evening Post der Konkurrenz von Fernsehen und Taschenbüchern nicht mehr gewachsen und ging ein.

Als in den 60er Jahren die Antibabypille überall zu haben war, wuchs die sexuelle Freiheit. Der neue Guru wurde Hugh Hefner, der mit dem Playboy die Postzensur geradezu herausforderte. Es kam zu unzähligen Prozessen. Nach mehreren Musterprozessen fielen alle Schranken. Eine Unzahl neuer Zeitschriften drängte auf den Markt und Pornomagazine wurden zum internationalen Phänomen.

Zu Beginn der 70er Jahre bemächtigte sich schließlich die Fotografie des Pin-up Genres. Die Gestaltung ließ jeden Spaß an der Sache vermissen. Es drehte sich alles nur noch um die genaue Darstellung der Geschlechtsorgane und die Illustrationen hätten jedem anatomischen Lehrbuch zur Ehre gereicht. Dem „goldene Zeitalter“ des amerikanischen Pin-ups wurde dadurch ein schnelles Ende bereitet.

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